Bevor sich aber der Vorhang hob und noch bevor der erste Ton erklungen war, profitierten wir alle von E.N.O.s professioneller und effizienter Betreuung: Der irische Botschafter hatte nämlich zu einem Empfang bei sich, gleich hinter dem Buckingham Palace, geladen. In einer nicht als bescheiden zu beschreibenden ehemaligen Residenz derer zu Guiness wurde neben dem Bier gleichen namens reichlich flüssige und feste Nahrung gereicht, und wir waren darob bestens eingestimmt auf die kommenden musikalischen Stunden. Außer daß der Komponist ein Ire ist, steht mit Sean Doran ein weiterer Ire an der Spitze der E.N.O., was dann auch die Botschafteraudienz erklärt und in den britisch-englischen Kontext ein Quentchen Pikanterie hineinbringt, die prima zu Fassbinder und seinem wunderbar-verzweifelten Petra Stück paßt.
Nach Maßgabe der neuen dragonischen Gesetze trafen sich die Raucher auf dem Gehsteig, wo vermutlich RWF große Teile des Abends hätte verbingen müssen. Margit Carstensen trug es mit Fassung, und man wunderte sich, wem man da am Rande der Gosse so alles begegnete ... Das derzeitige Prinzip Großbritanniens lautet nämlich entweder Drink oder Smoke. Beides zusammen ist nicht mehr legal.
Das unlängst maximal renovierte Opernhaus mit seinen nahezu 2.400 Plätzen bot in seinem viktoriansichen Pomp einen schwülstigen Kontrast zu der Bühne, die – angesiedelt auf dem Proszenium und auch über dem abgedeckten Orchestergraben – nur die seventies und auch nur diese kannte. So gab es links eine schrille Küchenzeile, der am rechten Bühnenrand ein ebenso schrilles Bad gegenüberstand (Ausstattung Ultz). Das gesamte Interieur hätte man getrost auf circa 1971/72 datieren können, dem Datum von RWFs Niederschrift des Theaterstücks und seiner anschließenden Verfilmung. Dem dekadent-mondänen ‚living room’ war eine Empore eingegliedert und schiebbare Wandpaneele, die die Welt der Modeschöpferin Petra von Kant (Stephanie Friede) definierten und gleichsam abzirkelten. Das seventies-Thema führte der Regisseur Richard Jones auch in der Garderobe und der Personenregie konsequent weiter, so daß sich keinerlei Brüche feststellen ließen, was bis zum stilsicher eingesetzten Schallplattenspieler reichte und auch nicht vor einer kettenrauchenden Petra von Kant halt machte.
Wer den unvergleichlichen Fassbinder-Film vor Augen hat (er wurde in unvorstellbaren zehn Tagen gedreht), der erinnert vielleicht die immense Textmenge, die dort in teils heftiger Lakonie verhandelt wird. Der Komponist Gerald Barry übernahm den Fassbindertext wortwörtlich. Allerdings wurde auf englisch gesungen, und die ohnehin frappierende Textverständlichkeit noch dadurch gesteigert, daß Übertitel das Drama auch schriftlich fixierten. Obzwar manchem Genörgel der nachfolgenden Kritiken just in diesem Punkt eine Falschrechnung zugrunde lag, liegt in diesem Hang zur Texttreue eine besondere Herausforderung an die musikalische Umsetzung. Fassbinders sprachliche Musikalität wird ja erst langsam begriffen, und wie hier in manchem schrillen Tremolo der Versuch unternommen wurde, der Psychologie des verhandelten nachzuspüren, so stellte sich dem Zuhörer die Frage, ob sich Fassbinders Rhythmus und sein ureigener Klang überhaupt orchestrieren lassen. Und wie sollten Frauen in Maso-Sado-Allüre klingen? Hört sich diese Haßliebe schrill an oder sehnen wir uns nicht gelegentlich doch nach Margit Carstensens unvergleichlichem Mezzo-Timbre? Und wenn sich Damen der Gesellschaft quälen und sich drangsalieren, wenn sie sich, zunehmend alkoholisiert und hysterisiert an den Kragen gehen, klingt da das Blech oder imaginiert sich der fragende Zuhörer auch die eine oder andere Harfe? Barry hatte sich ganz entschieden auf das Blech und auf heftige Rhythmen verlegt. Er war da schon mehr – mit Verlaub und ganz vorsichtig geäußert – in einer Janacek Nähe oder auch bei Benjamin Brittan angesiedelt als in den Strauß’schen Klangwelten, der sich ja wie kein anderer Komponist des 20. Jahrhunderts den Damen und besonders den exaltierten Damen zuwandte.
Die Abgründe, die sich zwischen Domina und Untergebener ergeben, die Dynamik dieser Zuckerbrot-und-Peitsche Romantik, in der Herrschaft und Unterdrückung meisterhaft vorgeführt werden, alles das wird hier in rauschhafter Geschwindigkeit verhandelt und zwar mit permanentem Stakkato-Forte. Darstellerisch und gesanglich war es ein Genuß zu sehen, wie vollkommen die Beteiligten sich in die Sache hineingegeben hatten. Wie die Interaktion zwischen Petra und Karin (Rebecca von Lipinski) präzise choreographiert war. Besonders markant aber war für mich persönlich ausgerechnet die stumme Rolle der Marlene. Ohne jemals auch nur einen Ton von sich gegeben zu haben, schwang aus Linda Kitchen eine Musikalität, die nach meiner Auffassung alle anderen Sänger-Darsteller in derselben Dramatik nicht erreichten. Meines Erachtens spricht das für Fassbinder und seine Vorlage. Von den Meriten der stummen Sänger-Darstellerin zu schweigen.
Regie und Komponist hatten sich übrigens auf das Ende der Theaterfassung festgelegt: Petra von Kant widmet sich ihrer stummen Sklavin Marlene und möchte aus deren Leben erfahren. In RWFs Film nimmt Marlene ihren Koffer und geht, hinterläßt jedoch eine Pistole. So ist die Oper konzilianter als der Film. Ebenso wie die Fallhöhe damit eine andere ist, verhält es sich auch mit dem Inszenierungsansatz, der einige der tragischen Sentenzen des RWF in die angelsächsische Denkart transponiert, was dann im Publikum zu Lachern führt. Diese Lacher stehen mit Osborne, Albee und Pinter natürlich in der besten Tradition, aber die kontinentaleuropäische Tradition hat halt mit der Komik so ganz andere Traditionen.
Ein Erfolg mißt sich ja auch am Applaus und an der Kritik. Es wurde gejohlt, gejubelt und heftig applaudiert. Während die britische Presse fast überschäumend war, sich auf Themen wie Lesbierinnen und Außenseitertum bezog, war es für uns besonders spannend, in der deutschen Presse zu lesen, daß der Komponist ein bissl unter dem Potential der hehren Vorlage geblieben war, wo doch RWF in seiner Zeit immer so heftig kritisiert wurde. Bei seiner Uraufführung war das Stück ja auch gnadenlos ausgebuht worden und durchgefallen... Dieser Tage hat es nun Premiere an der Wiener Burg ...
Nach dem letzten Vorhang fanden wir uns hinter der Bühne ein, wo es eine ausgedehnte Fotosession mit der Ur- und der Jetzt-Petra gab. Es war sehr festlich und herzlich, freundlich und wunderbar. Geraucht wurde freilich auf dem Trottoir, wohingegen das Fest drinnen passierte ...
Tags darauf gab Margit Carstensen dann ein Interview für BBC 3, das Anfang Oktober aus Anlaß der Liveübertragung gesendet wird. Nun hat die Welt eine neue Oper und wir alle haben voller Begeisterung und mit Spannung eine Fassbinder Adaption erlebt, an die wir noch lange denken werden.
Am 16. September 2005 findet die szenische Welturaufführung der Oper „The Bitter Tears of Petra von Kant“ an der English National Opera in London statt. Der Komponist Gerald Barry vertonte einen von Fassbinders berühmtesten Texten. Für die Regie ist Ric
Aufgenommen: Okt 10, 12:05
Am 16. September 2005 findet die szenische Welturaufführung der Oper „The Bitter Tears of Petra von Kant“ an der English National Opera in London statt. Der Komponist Gerald Barry vertonte einen von Fassbinders berühmtesten Texten. Für die Regie ist Ric
Aufgenommen: Okt 20, 14:56
Am 16. September 2005 findet die szenische Welturaufführung der Oper „The Bitter Tears of Petra von Kant“ an der English National Opera in London statt. Der Komponist Gerald Barry vertonte einen von Fassbinders berühmtesten Texten. Für die Regie ist Ric
Aufgenommen: Okt 26, 19:33
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Aufgenommen: Nov 22, 12:09