Er war seinen eigenen Filmen immer um Meilen voraus. Als er im Sommer 1970 mit WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? - oder war es GÖTTER DER PEST oder RIO DAS MORTES? - zum Festival nach Karlovy Vary kam, hatte er ausserdem schon DAS KAFFEEHAUS für den WDR gedreht, WHITY musste schon fertig sein wie ebenfalls DIE NIKLASHAUSER FART, und DER AMERIKANISCHE SOLDAT stand kurz bevor. Auf den damals noch schmalen Parkplatz vom Hotel Pupp, in dem in jenen Jahren das Filmfestival stattfand, glitt ein weit ausladender amerikanischer Schlitten, ein Buick oder war es ein Cadillac?, und gesteuert wurde das Strassenschiff von Wilhelm Rabenbauer. Hanna Schygulla war dabei und, meine ich mich zu erinnern, Harry Baer, zusammen etwa fünf oder sechs Personen. Auch später, wenn RWF das eine und andere Mal zu einem live-Gespräch in die ZDF-Sendung "aspekte" kam (und die Feuerwehr war für ihn aufmarschiert), stand eine Gruppe aus seiner Begleitung in den Kulissen. Es ging dabei immer um einen seiner Filme kurz vor dem Kino-Start, etwa im Januar 81 um LILI MARLEEN, und die uns zugeteilten Sendeminuten haben wir locker überzogen. Damals steckte er schon mitten in den Vorbereitungen für LOLA - und musste doch noch den Kopf für LILI MARLEEN haben. Viele der Filme, die durch die Kino-Terminierung für Kritik und Publikum aktuell waren, müssen ihm, wenn es darüber zu sprechen galt - und dazu war er immer bereit, weil er seine Filme liebte und sie, falls es nottat, wie ein Liebhaber verteidigte -, wie ferne Verwandte gewesen sein, ältere Brüder oder Schwestern, die man nur aus der Ferne der Jahre kennt. In der sogenannten Zehetbauer-Strasse bei der Bavaria in München, die für RWF eine Strasse im Berlin der 20er Jahre war, hab ich mit ihm ein Gespräch über DIE DRITTE GENERATION gedreht, der Ende der 70er Jahre spielt. Da war dieser Film schon beinahe ein Jahr alt, und in Geiselgasteig entstand gerade BERLIN ALEXANDERPLATZ. Im Schneideraum, Juliane Lorenz sass an der Maschine, zeigte er mir, wie ordentlich es bei ihm zugehen konnte. So sorgfältig waren in riesigen Regalen die Filmbüchsen nach den 14 Teilen und nach einzelnen Sequenzen sortiert: sein ganzer Stolz. Vor der DRITTEN GENERATION war NADA gewesen. Fassbinder hatte sich bereit erklärt, ein Stück zu dem Buch beizutragen, das wir über Claude Chabrol vorbereiteten. Im Januar 1975, zur Zeit seiner Intendanz beim Frankfurter "Theater am Turm", sassen bis zu zehn Personen in einem kleinen Vorführraum dicht bei dicht beisammen, fünf Tage lang, um alles zu sehen, was Chabrol bis dahin gemacht hatte, rund dreissig Filme. Auch wenn wenig Zeit fürs Essen blieb: mindestens einmal hat uns RWF an einen japanischen Mittagstisch mit fast zwei Dutzend Menschen eingeladen. Aber das war auch schon das Ende der Gemütlichkeit, das mit NADA erreicht war. Chabrols Film über eine anarchistische Terroristengruppe, die der staatlichen Gewalt genauso Vorschub leistet, wie der Staat dem Terrorismus, erregte RWFs Zorn in einem Masse, dass es der Einmischung aller übrigen bedurfte, Handgreiflichkeiten zwischen ihm und einem Fürsprecher von NADA zu vermeiden. Für das Buch schrieb er einen wütenden Verriss der Filme Chabrols, von denen er nur LE BOUCHER gelten liess. NADA nannte er "reinen Faschismus". Dass DIE DRITTE GENERATION, fünf Jahre nach NADA, vier Jahre nach Frankfurt entstanden, eine durchaus ähnliche Geschichte erzählt - nach dieser Verwandtschaft RWF zu fragen, habe ich versäumt. Sein Arbeitstempo, mit bis zuweilen sieben Filmen im Jahr, war atemberaubend. Aber er wusste, dass er den Rekord des Vorbilds Michael Curtiz, der immerhin 74 Jahre alt werden durfte, und CASABLANCA war schon seine Nummer 80 oder sogar 90 gewesen, dass er diesen Rekord nicht würde einstellen geschweige denn übertreffen können. So hatte er sein Lebensziel darauf eingerichtet, am Ende mit der Zahl seiner Filme die Zahl seiner Lebensjahre zu erreichen. Er hat dieses Ziel übertroffen. Als ich ihn einmal fragte, warum er so viel arbeite, meinte er, das müsse eine spezielle Art von Geisteskrankheit sein. Man kann sie auch Genialität nennen. Volker Schlöndorff kann nur unter Tränen von der für die Versicherung erforderlichen Gesundheitsprüfung erzählen, der sich der damals 24jährige Fassbinder hatte unterziehen müssen, als Schlöndorff ihn für die Titelrolle seiner Fernsehproduktion BAAL haben wollte. Damals habe der Arzt gesagt, dieser Darsteller sei im Prinzip nicht zu versichern, weil sein krankes Herz jederzeit zu schlagen aufhören könne. Er hat dieses Herz verschwendet, an seine Filme so gut wie an seine Mitarbeiter, von denen viele teuer dafür bezahlen mussten. Denn der Liebende Rainer Werner Fassbinder konnte unerbittlich sein, wenn er spürte, dass eine Liebe zuende gekommen war. Es haben manche unter ihm bis zum Selbstmord gelitten, und dass er andere leiden liess, hat auch ihn leiden lassen. Nicht alle haben sich diesem Teufelskreis so entziehen können wie Hanna Schygulla, deren strikte Persönlichkeit für ihn schon deshalb unantastbar war, weil er sie als Star nicht verlieren wollte. Ich würde niemals sagen, dass wir miteinander befreundet waren, der Filmemacher und der um fünfzehn Jahre ältere Journalist. Der Abstand zwischen uns aber war nicht der Abstand der Jahre, sondern der eines gegenseitigen Respekts, der jeden in dessen eigener Sphäre anerkannte. Wenn ich ihn anrief, war immer ein anderer am Apparat, weil er entweder auf dem Set war oder endlich mal wieder schlief, manchmal auch 36 Stunden am Stück, weil er 72 Stunden am Stück gearbeitet hatte. Aber dann rief er jedes Mal zurück. Er rannte um sein Leben, weil er dessen Ziel erfüllen wollte, und er rannte sich zu Tode. Ich habe unzählige Gespräche mit ihm geführt, und die meisten waren offiziell: Interviews fürs Radio oder Fernsehen. Nur einmal hab ich in seiner Münchner Küche bei ihm gesessen, und neben ihm auf der Eckbank stapelten sich schon die Drehbücher für BERLIN ALEXANDERPLATZ. Es war kurz vor Weihnachten, und Fassbinder kochte Kaffee zu dem Christstollen, den angeblich die Mama für ihn gebacken hatte. Dieselbe Mutter, die in etwa zwanzig seiner Filme als Lieselotte Eder oder Lilo Pempeit mitspielt. Er konnte sie gelegentlich als seine beste Freundin bezeichnen, was nicht vergessen lassen kann, wie zornig er in seiner Episode von DEUTSCHLAND IM HERBST mit ihr streitet, wenn sie sagt, dass alle Terroristen sofort erschossen werden müssten. Als man ihn einmal fragte - war es Hans Günther Pflaum, war es Peter Buchka? -, wie er sich seinen Lebensabend vorstelle, sagte Fassbinder: Ich rechne mit keinem.
© Peter W. Jansen Mit freundlicher Genehmigung des Autors für RWFF Blogs in Erinnerung zum 60. Geburtstag von RWF begonnen am 9. Juni und beendet in den Morgenstunden am 10. Juni 2005 Fassbinders 23. Todestag.